Kommunikationstraining Berlin Selbstkundgabeseite

Um was geht es bei der Selbstkundgabeseite der Kommunikation?

Das Vier-Seiten-Modell von Schulz von Thun besagt, dass jede Aussage vier Seiten hat, die mitgesendet werden. Darauf bin ich bereits in den letzten Artikeln eingegangen. Dieser Blogartikel ist der Selbstkundgabeseite der Nachricht gewidmet.

Der Prozess der Selbstkundgabe läuft größtenteils unbewusst ab. Ich kann mich aber auch ganz bewusst entscheiden, was ich über mich selbst aussagen will. Das machen wir beispielsweise, wenn wir in Bewerbungssituationen sind und  uns vorher darauf sensibilisiert haben. Doch das können wir bewusst nur für eine bestimmte Zeit steuern.

Ich möchte hier lediglich sensibilisieren für das, was dahinter stecken könnte, wenn bestimmte sprachliche Muster auftauchen. Psychologisches vereinfache ich, ohne dabei in die Tiefe zu gehen. Bei vielen Menschen beeinflusst eine Selbstoffenbarungsangst ihre Art der Selbstkundgabe. Diese Angst kann schon im Kindesalter entstehen. Das Kind orientiert sich an Reaktionen der Umwelt.

Was finden andere gut? Was sagen die Eltern, darf man nicht? Was ist liebenswert, was nicht? Bestimmte Bestandteile der eigenen Persönlichkeit werden unterdrückt, wenn sie auf negative Reaktionen stoßen. Bei einem ausgeprägten Minderwertigkeitsgefühl kann es dazu kommen, dass andere als „strenge Richter“ betrachtet werden, vor denen man sich nicht negativ zeigen darf. Das kann sich in unterschiedlichen Formen äußern.

 

Selbstkundgabeseite: Selbstdarstellung und Selbstverbergung

Es gibt verschiedene Techniken für die Selbstdarstellung oder Selbstverbergung. Im Folgenden gehe ich  auf Imponiergehabe, Fassadentechniken und die demonstrative Selbstverkleinerung ein.

Diese Techniken verwenden wir nur zum Teil bewusst. Sind wir uns darüber im Klaren, können wir unser Verhalten ändern und ggf. der Situation entsprechend anpassen. So kann ich mich als Führungskraft bewusst „verkleinern“, wenn es grad von Nöten ist oder auch als Bewerber in einem Interview ganz gezielt mit Inhalt und Sprache dem Gegenüber imponieren.
Viele Personaler und Führungskräfte sind geschult, darauf zu achten, wie ihr Gegenüber sich verhält.  Da wird auf die Körpersprache genauso geachtet wie auf die Sprache. Sagt der Kandidat immer wieder „man“ und selten „ich“? Erzählt er die ganze Zeit nur davon, wie toll er ist und was er alles erreicht hat (nicht unüblich für diese Situation)?

 

1. Imponiergehabe

Imponieren kann ich einerseits über die Körpersprache, indem ich mich groß mache. Andererseits kann auch durch den Inhalt (Haus, Auto, Pferd) und die Wortwahl (Fremdwörter) verbal imponiert werden. Begriffe wie „flanieren“ statt „spazieren“, „entkleiden“ statt „ausziehen“ gehören ebenfalls dazu. Das Ziel beim Imponiergehabe ist, die eigene „Schokoladenseite“  zu zeigen und den Fokus nicht auf die schlechten Eigenschaften zu lenken. Problematisch wird es, wenn  das  Imponiergehabe dauerhaft die Offenheit und Echtheit in Beziehungen beeinträchtigt.

 

2. Fassadentechniken

Diese Technik dient dem Verstecken der Dinge, die wir an uns selbst als nicht gut erachten. Daraus resultiert, dass nur Dinge gesagt werden, von denen man denkt, sie werden in der Gesellschaft anerkannt. So wird unser Selbstwertgefühl nicht bedroht. Es kann aber auch dazu führen, dass man gar nichts sagt. Hier spielt wieder die Selbstoffenbarungsangst eine Rolle. Wir sind uns dieser Angst oft nicht bewusst, da wir sie durch die Selbstverbergungstechniken gar nicht erst aufkommen lassen.

Gestik und Mimik werden nur begrenzt eingesetzt. Die eigenen Gefühle werden nicht gezeigt, zum Teil kennt man sie nicht, da man den Zugang zu ihnen verloren hat. Besonders den Männern (in unserem Kulturkreis) wird meist schon in der Kindheit suggeriert, dass Gefühle zeigen als Schwäche in der Gesellschaft angesehen wird. So lernen sie, ihre Emotionen zu unterdrücken und nicht darüber zu sprechen und sie somit auch nicht zu zeigen. Das kann zur Folge haben, dass bestimmte Gefühle nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Gleiches kann selbstverständlich auch für Frauen gelten.

Wie schaffe ich die Selbstverbergung sprachlich, wenn ich mich dazu entscheide, etwas zu sagen? Tendenziell wird eher auf der Sachebene im abgeklärten Tonfall gesprochen. Wenn ich nicht viel von mir selbst und meiner Meinung/meinen Gefühlen preisgeben möchte, kann ich Entpersonalisierung nutzen wie  „man“, „wir“, „es“  oder auch „Du-Botschaften“.

 

3. Demonstrative Selbstverkleinerung

Im Gegensatz zum Imponiergehabe stellen sich hier Menschen als klein, schwächlich und unfähig hin. Die Selbstkundgabe „ich kann das nicht“ ist auf der anderen Seite auch als Appell zu verstehen: „widerspreche mir“ oder auch „mach Du, ich kann das nicht.“ Dies kann taktisch als „fishing for compliments“ gemeint sein oder auch, um bestimmte Dinge nicht selbst tun zu müssen. Meist geschieht dies aber unbewusst und beginnt schon im Kindesalter.
Gehen wir als Empfänger auf die Appellseite ein und helfen und übernehmen die Aufgaben, kann es dazu führen, dass der andere sich erst recht immer schwach und abhängig fühlt. Positiv für den Empfänger ist dabei das Gefühl, der Stärkere und Überlegene zu sein.

 

 

Selbstkundgabeseite: Auswirkungen der Selbstdarstellungstechniken

Sind wir immer nur darauf bedacht, was wir über uns selbst aussagen, kostet es uns viel Energie und nimmt uns  unsere Authentizität. Wenn die Beteiligten sich nicht trauen, ihre Meinung zu sagen und nur darüber nachdenken, wie sie sich optimal selbst darstellen, wird die Sachebene darunter leiden. Der Empfänger hört ggf. nur halbherzig zu, da er sich bereits Gedanken darüber macht, wie er besonders gekonnt und schlau antworten kann.

Fokussierst Du das eigene Positive und versteckst das vermeintlich Negative, entsteht eine Barriere. Schließlich haben wir alle Schwächen. Statt uns immer nur gegenseitig beweisen zu wollen, wie toll wir sind, könnten wir auch gemeinsam erkennen, dass es nur menschlich und normal ist, dass wir auch Probleme haben.

Es kann auch soweit führen, dass unsere seelische Gesundheit dabei in Gefahr gerät, wenn wir uns anders geben als wir sind oder uns gerade fühlen. Dadurch entsteht eine dauernde innere Anspannung, die zu verschiedenen gesundheitlichen Problemen führen kann.

 

 

Selbstkundgabeseite: Tipps für die Selbstoffenbarung

Wie bereits erwähnt, ist die Sensibilisierung der erste Schritt. Versuche authentisch zu sein, also Deinen Zielen und Werten zu entsprechen. Eine offene Selbstkundgabe über Gefühle und Gedanken führt dazu, dass auch der Zuhörer nicht auf der Hut sein muss. Er kann besser und intensiver zuhören und muss sich weniger Gedanken über die Formulierung seiner Antwort machen.

Durch das aktive Zuhören fühlt sich der Sender eher verstanden. Durch dieses Gefühl des Verstandenwerdens  bringt er dem Gegenüber gleichermaßen mehr Wertschätzung auf der Beziehungsseite entgegen. Das führt dazu, dass sich auch der Zuhörer akzeptiert fühlt. So entsteht ein positiver Kreislauf, in dem sich alle Beteiligten  wertgeschätzt fühlen. Das ist auch das Ziel der gewaltfreien Kommunikation.

Achte darauf, für die konkrete Selbstaussage eher  „ich“ statt  „wir“ oder „man“ zu benutzen. Übe,  Deine Interpretationen und Gefühle  bewusst wahrzunehmen. Dabei hilft es, Bewertungen zu vermeiden, denn Beobachtungen sind neutraler. Die gewaltfreie Kommunikation kann Dir dabei helfen. Seminare dazu biete ich regelmäßig an.

 

Literatur: Schulz von Thun, F.: Miteinander reden. Band 1

1 Kommentar

  1. […] des Empfängers (Vier-Ohren-Modell) beleuchtet und auch schon mehr zur Sach-, Appell– und Selbstkundgabeseite geschrieben. In diesem Artikel geht es um die Beziehungsseite der Nachricht. Da das Modell von […]

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