Beurteilungsfehler

Beurteilungsfehler im Berufsalltag

In meinem Spezialgebiet der gewaltfreien Kommunikation geht es immer wieder darum, dass Du Dir im (Berufs-)Alltag bewusst machst, was Du so für Bewertungen mit Dir herumträgst. Auch bei Mitarbeitergesprächen hilft es sehr, im eigenen Kopf mal zu sortieren, was eigentlich die Bewertungen sind und wo diese herkommen. Was sind also zugrundeliegenden konkreten Beobachtungen? Also was hat der andere konkret gemacht oder nicht gemacht, gesagt oder nicht gesagt. Das hilft dabei, die Beurteilungsfehler zu minimieren.

 

Noch sinnvoller wäre es, nicht zu bewerten, sondern beobachtend zu beschreiben, was passiert ist.
So viel die Theorie. Doch was machst Du nun, wenn Du in einem Unternehmen arbeitest, in dem es wichtig ist, dass Du auch regelmäßig Mitarbeitergespräche führst mit einem Bewertungsbogen. Also einem fertigen Formular, wo Du die einzelnen Mitarbeiter anhand einer Skala einschätzen sollst. Das ist reine Bewertung, egal, ob Du nun Noten verteilst wie in der Schule oder ob es um eine Skala geht von + bis -.

 

Natürlich musst Du nun nicht die ganze Firma und ihre Regelungen umwerfen. Doch es ist wichtig, dass Du Dir bewusst machst, dass wir Menschen bestimmten Beurteilungsfehlern unterliegen. Das können wir natürlich minimieren, wenn wir uns dessen bewusst sind und trainieren, diese Fehler nicht zu machen.

 

Aber klar, ich mache mir und auch Dir nichts vor, wir sind Menschen und haben Emotionen und komplett objektiv zu sein in einer Bewertung ist sehr schwer.
Es gibt viele verschiedene Beurteilungsfehler. Ich möchte im Folgenden auf die sieben häufigsten Beurteilungsfehler eingehen.

 

1. Beurteilungsfehler: Selektive Wahrnehmung

Meist machen wir uns ziemlich schnell einen Eindruck vom anderen, der auch mit bestimmten Erwartungen einhergeht. So nimmst Du nur noch Dinge wahr, die zu diesem Eindruck passen und siehst das, was nicht passt zu Deinen Erwartungen nicht mehr. Das kann positiv oder negativ sein. Du denkst, Dein Mitarbeiter ist sehr kompetent, in dem, was er tut und wenn er Fehler macht, übersiehst Du diese. Oder auch umgekehrt, Dein Mitarbeiter hat in der Einarbeitung einige Male mehrere Ansätze gebraucht, bis er geschafft hat, was er machen sollte. So denkst Du nun, er ist generell eher langsam im Denken.

 

2. Beurteilungsfehler: Projektive Verzerrungen

Hier projizierst Du eigene Einstellungen, Charaktermerkmale oder Erfahrungen auf den anderen und nimmst dies nicht wahr. Das ist so, als wenn Du den eigenen Bauchschmerz beim anderen siehst. Das ist also unbewusst und unkontrolliert. Das kann auch dazu führen, dass Du Mitarbeiter besser beurteilst, die Dir ähnlich sind.

3. Beurteilungsfehler: Übertragung

Ein Fall von Übertragung liegt vor, wenn Du eine Erfahrung, die schon mal mit einer anderen Person gemacht hast, auf einen anderen Menschen überträgst. Bei der Projektion schließt Du von Dir selbst auf den anderen. Bei der Übertragung ist die Grundlage eine andere Person.
So hatte ich in meinem allerersten Seminar eine Teilnehmerin, bei der ich nicht wusste, warum ich mit ihr nicht umgehen konnte und wollte. Sie hatte nichts angestellt, war höflich und ich konnte nichts entdecken. Dennoch war ich ihr gegenüber sehr kritisch eingestellt.

Nach einiger Reflektion fand ich heraus, dass sie mich durch ihr Aussehen und ihre Art an eine Bekannte erinnerte, mit der ich mich in der Vergangenheit recht häufig gestritten hatte. Die Teilnehmerin konnte dafür natürlich nichts.

 

4. Beurteilungsfehler: Fehler des ersten oder letzten Eindrucks

Innerhalb nur weniger Sekunden können wir einen guten oder einen schlechten Eindruck hinterlassen. Das kann an der Sprache, der Körpersprache oder an unseren Worten liegen. Wir wissen nicht, was dem anderen besonders wichtig ist und so haben wir nur bedingt Einfluss darauf. Doch hattest Du von einem Mitarbeiter oder einem Kandidaten einen besonders guten ersten Eindruck, beeinflusst das Deine Bewertung in der Zukunft, denn er bleibt Dir besonders intensiv haften in Deinen Erinnerungen. So fallen Deine Bewertungen dadurch positiver aus als es wäre, wenn der erste Eindruck anders gewesen wäre. Das ist natürlich ebenfalls so, wenn der erste Eindruck eher negativ war. Gleiches gilt auch für den letzten Eindruck.

 

5. Beurteilungsfehler: Sympathie und Antipathie (Maßstabsproblem)

Ob wir jemanden sympathisch oder unsympathisch finden, liegt an mehreren Faktoren. Finden wir Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten, stellt sich Sympathie schneller ein. Sympathie und Antipathie beeinflussen unbewusst unsere Beurteilung. Wenn wir jemanden mögen, verzeihen wir auch schneller Fehler oder sehen diese gar nicht als solche an. Können wir jemanden nicht leiden, sehen wir jeden kleinen Fehler oder stufen Dinge als Fehler ein, die eigentlich keine sind. Wir bemessen somit mit verschiedenen Maßstäben.

6. Beurteilungsfehler: Hierarchie-Effekt

Hat ein Mitarbeiter eine höhere Hierarchieebene erreicht, unterstellt man ihm schnell, dass er besser und kompetenter ist als diejenigen, die für ihn arbeiten. Je höher die Stufe, desto intelligenter muss doch der Mensch sein. Umgekehrt heißt das aber auch, dass „normale“ Angestellte weniger kompetent sein müssten. Das trifft jedoch nicht generell zu. Hier mögen vielleicht Tendenzen vorliegen, besonders, wenn es um Akademiker und Nicht-Akademiker geht. Es wäre jedoch vermessen zu behaupten, dass Akademiker generell klüger sind als andere.

 

7. Beurteilungsfehler: Vorurteile

Die meisten Menschen haben welche. Ich auch. Vorurteile über Dinge, Menschen, ganze Länder. Dabei handelt es sich um Verallgemeinerungen und Pauschalisierungen, die positiv oder negativ sein können.
Die Deutschen sind sehr pünktlich und zuverlässig. Die Italiener sind sehr leidenschaftlich. Frauen können nicht vernünftig parken und Männer sind nicht multi-tasking-fähig. Das sind nur einige Beispiele.
Doch letztlich kennen wir nie alle Menschen einer Nation, alle Männer, alle Frauen. Wir bemerken vielleicht Tendenzen, können jedoch nicht von einem auf alle schließen.

Da wir bisher negative Erfahrungen gemacht haben mit einer Nationalität oder einer bestimmten Berufsgruppe, schließen wir nun von vornherein aus, diesen Menschen einzustellen. Oder wenn er schon eingestellt wurde (natürlich nicht von uns 😉 ), muss dieser Mitarbeiter genauso schlecht sein wie die, mit denen wir bisher gearbeitet haben.

 

Umgang mit den Bewertungsfehlern

Zum einen musst Du Dir klar sein, dass Du auch nur ein Mensch bist. Komplett objektiv zu bewerten ist wirklich schwer. Deswegen sagte schon Krishnamurti, dass es die höchste Form menschlicher Intelligenz ist, zu beobachten ohne zu bewerten.
Doch Du kannst einiges tun, um Dir bewusst zu werden, dass Du diese Bewertungsfehler bisher gemacht hast. Gehe vor Mitarbeitergesprächen kurz in Dich und überprüfe, wie Du zu der Person stehst. Bist Du zu kritisch oder nicht kritisch genug?
Liegt hier eine Übertragung oder eine Projektion vor? Ist das der Fall, dann gibt es einen ganz guten Tipp. (Das ist mir nämlich auch schon passiert, sowohl im Seminar als auch im Coaching).

 

Mache Dir die Unterschiede bewusst, zwischen Dir und der anderen Person, wenn es um eine Projektion geht. Sammle dazu erstmal 11 Gemeinsamkeiten und anschließend 21 Unterschiede. Das klingt jetzt erstmal viel, doch es können auch Attribute sein wie „menschlich“, „männlich“ oder ähnliches. Dadurch siehst Du beides, was gleich und was anders ist. Das kannst Du auch machen, wenn es um eine Übertragung geht. Also wenn Du eine Erfahrung mit einer anderen Person auf die überträgst, die gerade vor Dir steht.

Probiere es mal aus. Ich freue mich auf Dein Feedback.