Susanne Lorenz lächelnd

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In meinem Spezialgebiet der gewaltfreien Kommunikation geht es immer wieder darum, dass du dir im (Berufs-)Alltag bewusst machst, was du so für Bewertungen mit dir herumträgst.

Beurteilungsfehler

Beurteilungsfehler im Berufsalltag

Auch bei Mitarbeitergesprächen hilft es sehr, vorher im eigenen Kopf mal zu sortieren, was eigentlich die Bewertungen sind und wo diese herkommen. Was sind also die zugrundeliegenden konkreten Beobachtungen? Also was hat der andere konkret gemacht oder nicht gemacht, gesagt oder nicht gesagt. Das hilft dabei, die Beurteilungsfehler zu minimieren. Noch sinnvoller wäre es, nicht zu bewerten, sondern beobachtend zu beschreiben, was passiert ist. So viel die Theorie.

 

Mitarbeitergespräche mit Bewertungsbogen

Doch was machst du nun, wenn du in einem Unternehmen arbeitest, in dem es wichtig ist, dass du auch regelmäßig mit einem Bewertungsbogen Mitarbeitergespräche führst . Also mit einem fertigen Formular, in dem du die einzelnen Mitarbeiter anhand einer Skala einschätzen sollst. Das ist reine Bewertung, egal, ob du nun Noten verteilst wie in der Schule oder ob es um eine Skala geht von + bis -.

Natürlich musst du nun nicht die ganze Firma und ihre Regelungen umwerfen. Doch es ist wichtig, dass du dir bewusst machst, dass wir Menschen bestimmten Beurteilungsfehlern unterliegen. Das können wir natürlich minimieren, wenn wir uns dessen bewusst sind und trainieren, diese Fehler nicht zu machen.

Aber klar, ich mache mir und auch dir nichts vor, wir sind Menschen und haben Emotionen und komplett objektiv zu sein ist sehr schwer.

 

1. Beurteilungsfehler: Selektive Wahrnehmung

Es gibt viele verschiedene Beurteilungsfehler. Ich möchte im Folgenden auf die sieben häufigsten Beurteilungsfehler eingehen.

Meist machen wir uns ziemlich schnell einen Eindruck vom anderen, der auch mit bestimmten Erwartungen einhergeht. So nimmst du nur noch Dinge wahr, die zu diesem Eindruck passen und siehst das, was nicht zu deinen Erwartungen passt, nicht mehr. Das kann positiv oder negativ sein.

Du denkst, dein Mitarbeiter ist sehr kompetent, in dem, was er tut und wenn er Fehler macht, übersiehst du diese. Oder auch umgekehrt, dein Mitarbeiter hat in der Einarbeitung einige Male mehrere Ansätze gebraucht, bis er geschafft hat, was er machen sollte. So denkst du nun, er ist generell eher langsam im Denken.

 

2. Beurteilungsfehler: Projektive Verzerrungen

Hier projizierst du eigene Einstellungen, Charaktermerkmale oder Erfahrungen auf den anderen und nimmst dies nicht wahr. Das ist so, als wenn du den eigenen Bauchschmerz beim anderen siehst. Das ist also unbewusst und unkontrolliert. Das kann auch dazu führen, dass du Mitarbeiter besser beurteilst, die dir ähnlich sind.

3. Beurteilungsfehler: Übertragung

Ein Fall von Übertragung liegt vor, wenn du eine Erfahrung, die schon mal mit einer anderen Person gemacht hast, auf einen anderen Menschen überträgst.

Bei der Projektion schließt du von dir selbst auf den anderen. Bei der Übertragung ist die Grundlage eine andere Person.

So hatte ich in meinem allerersten Seminar eine Teilnehmerin, bei der ich nicht wusste, warum ich mit ihr nicht umgehen konnte und wollte. Sie hatte nichts angestellt, war höflich und ich konnte nichts entdecken. Dennoch war ich ihr gegenüber sehr kritisch eingestellt.

Nach einiger Reflektion fand ich heraus, dass sie mich durch ihr Aussehen und ihre Art an eine Bekannte erinnerte, mit der ich mich in der Vergangenheit recht häufig gestritten hatte. Die Teilnehmerin konnte dafür natürlich nichts.

 

4. Beurteilungsfehler: Fehler des ersten oder letzten Eindrucks

Innerhalb nur weniger Sekunden können wir einen guten oder einen schlechten Eindruck hinterlassen. Das kann an der Sprache, der Körpersprache oder an unserem Aussehen liegen.

Wir wissen nicht, was dem anderen besonders wichtig ist und so haben wir nur bedingt Einfluss darauf.

Doch hattest du von einem Mitarbeiter oder einem Kandidaten einen besonders guten ersten Eindruck, beeinflusst das deine Bewertung in der Zukunft, denn er bleibt dir besonders intensiv haften in deinen Erinnerungen.

So fallen deine Bewertungen dadurch positiver aus als es wäre, wenn der erste Eindruck anders gewesen wäre. Das ist natürlich ebenfalls so, wenn der erste Eindruck eher negativ war. Gleiches gilt auch für den letzten Eindruck.

 

5. Beurteilungsfehler: Sympathie und Antipathie (Maßstabsproblem)

Ob wir jemanden sympathisch oder unsympathisch finden, liegt an mehreren Faktoren.

Finden wir Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten, stellt sich Sympathie schneller ein.

Sympathie und Antipathie beeinflussen unbewusst unsere Beurteilung. Wenn wir jemanden mögen, verzeihen wir auch schneller Fehler oder sehen diese gar nicht als solche an.

Können wir jemanden nicht leiden, sehen wir jeden kleinen Fehler oder stufen Dinge als Fehler ein, die eigentlich keine sind. Wir bemessen somit mit verschiedenen Maßstäben.

Wenn du also jemanden besonders magst, überlege dir auch, was an dieser Person kritisiert werden könnte. Merkst du eher eine Antipathie, schreibe dir mindestens drei Punkte auf, die man an dieser Person gut finden könnte. Das können auch kleine Sachen sein wie gut gekleidet, pünktlich oder ähnliches.

So gleichst du den Effekt etwas in die andere Richtung aus.

6. Beurteilungsfehler: Hierarchie-Effekt

Hat ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin eine höhere Hierarchieebene erreicht, unterstellt man ihm oder ihr schnell, dass er/sie besser und kompetenter ist als diejenigen, die für ihn/sie arbeiten.

Je höher die Stufe, desto intelligenter muss doch der Mensch sein. Umgekehrt heißt das aber auch, dass „normale“ Angestellte weniger kompetent sein müssten. Das trifft jedoch nicht generell zu.

Hier mögen vielleicht Tendenzen vorliegen, besonders, wenn es um Akademiker/innen und Nicht-Akademiker/innen geht. Es wäre jedoch vermessen zu behaupten, dass Akademiker/innen generell klüger sind als andere Menschen.

 

7. Beurteilungsfehler: Vorurteile

Die meisten Menschen haben welche. Ich auch. Vorurteile über Dinge, Menschen, ganze Länder. Dabei handelt es sich um Verallgemeinerungen und Pauschalisierungen, die positiv oder negativ sein können.

  • Die Deutschen sind sehr pünktlich und zuverlässig.
  • Die Italiener sind sehr leidenschaftlich.
  • Frauen können nicht gut rückwärts einparken.
  • Männer sind nicht multi-tasking-fähig.

Das sind nur einige Beispiele. Doch letztlich kennen wir nie alle Menschen einer Nation, alle Männer, alle Frauen. Wir bemerken vielleicht Tendenzen, können jedoch nicht von einem auf alle schließen.

Da wir bisher negative Erfahrungen gemacht haben mit einer Nationalität oder einer bestimmten Berufsgruppe, schließen wir nun von vornherein aus, diesen Menschen einzustellen.

Oder wenn er schon eingestellt wurde (natürlich nicht von uns 😉 ), muss diese/r Mitarbeiter/in genauso schlecht sein wie die, mit denen wir bisher gearbeitet haben.

 

Was kannst du nun gegen die Beurteilungsfehler tun?

Du kannst einiges tun, um dir bewusst zu werden, dass du diese Bewertungsfehler bisher gemacht hast. Gehe vor Mitarbeitergesprächen kurz in dich und überprüfe, wie du zu der Person stehst.

  • Bist du zu kritisch?
  • Bist du nicht kritisch genug?
  • Liegt hier eine Übertragung oder eine Projektion vor?
  • Wie viele Situationen hattest du schon mit der Person?
  • Erlebst du sie regelmäßig bei der Arbeit?
  • Hörst du von anderen aus der Firma auch Bewertungen über diese Person?

Spreche ansonsten auch gern mit anderen Führungskräften und höre dir ihre Erfahrungen an und vergleiche sie mit deinen eigenen.

 

Fazit zu Beurteilungsfehlern

Mach dir klar, dass du auch nur ein Mensch bist. Komplett objektiv zu sein ist wirklich schwer. Deswegen sagte schon Krishnamurti, dass es die höchste Form menschlicher Intelligenz ist, zu beobachten ohne zu bewerten.

Du kannst hier nur dein Bestes geben und vor deinen Gesprächen in dich gehen und reflektieren.

 

Alles Liebe

deine Susanne

 

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