Gewaltfreie Kommunikation hilft Dir, Spannungen und Konflikte leichter anzusprechen und auf Augenhöhe mit dem Gegenüber zu kommunizieren. Doch wie klingt das nun genau im Gespräch?

Gewaltfreie Kommunikation praktisch anwenden

In den letzten Jahren habe ich viele Artikel geschrieben über die gewaltfreie Kommunikation und ihre Anwendung.
Hier möchte ich Dir direkt ein Beispiel geben, wie das Ganze vor der Durchführung und im Gespräch aussehen könnte, um diese Methode für Dich noch greifbarer zu machen.

Die vier Schritte der GFK

Für den Überblick nenne ich hier die vier Schritte, die wir in der GFK für uns selbst und für den anderen gehen.

1. Beobachtung
2. Gefühl
3. Bedürfnis und
4. Bitte

Die zwei Bestandteile- Selbsteinfühlung und Fremdeinfühlung

Diese vier Schritte Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte gehe ich zuerst einmal im Stillen für mich durch, bevor ich überhaupt das Gespräch suche. Das bezeichnen wir in der GFK als Selbsteinfühlung. Ein Beispiel macht es deutlicher. Ich hatte einen Konflikt mit einem Lieferanten, nennen wir ihn mal Hannes. Zuerst versetze ich mich in mich selbst und gehe die vier Schritte durch:

1. Was beobachte ich?

2. Was fühle ich?

3. Was brauche ich, damit es mir wieder besser geht?

4. Was könnte ich erbitten, damit mein Bedürfnis erfüllt ist?

1. Hannes hat mir gesagt, zu wann er die Unterlagen liefern wird. Zum verabredeten Zeitpunkt war das Produkt nicht in meinem Emaileingang.
2. Ich bin verwundert und ärgerlich.
3. Ich brauche Informationen für meine Klarheit zu wann ich mit dem Flyer rechnen kann.
4. Bitte sage mir, woran es gelegen hat, dass ich die Unterlagen noch nicht habe. Sage mir, zu wann ich damit rechnen kann.

Fremdeinfühlung

Nach der Selbsteinfühlung, versuche ich mich in den anderen hineinzuversetzen. Das nennt sich Fremdeinfühlung.
Ich überlege mir also, wie könnte er das Ganze sehen. „Ich“ bist jetzt Du als Dein Konfliktpartner. Also in meinem Fall würde ich in Hannes gehen und überlegen, wie ich es als Hannes sehe.

1. Was beobachte ich als Hannes?

2. Was fühle ich als Hannes?

3. Was brauche ich als Hannes, damit es mir wieder besser geht?

4. Was könnte ich als Hannes erbitten, damit mein Bedürfnis erfüllt ist?

Fremeinfühlung: Ich als Hannes

1. Ich habe Susanne gesagt, zu wann ich die Unterlagen liefern werde. Zum verabredeten Zeitpunkt habe ich das Produkt nicht geliefert.
2. Ich bin gefrustet und überlastet.
3. Ich brauche Verständnis und Erholung.
4. Bitte sage mir, ob es für dich okay ist, wenn du den Flyer erst in drei Tagen bekommst.

Spekulation für Perspektivwechsel

Natürlich kommt es hier zu Spekulationen, doch es geht darum, von der eigenen Sicht wegzukommen und offen zu werden für den anderen und seine Beweggründe. Dieser Perspektivwechsel öffnet Dich ebenfalls für eine Betrachtung von außen.

Erfolgsversprechender für unsere Kommunikation, besonders in potentiellen Konfliktsituationen, ist die Hinterfragung des Grundes (Bedürfnis), warum verhält sich jemand so, wie er es gerade tut?

Meist gehen wir davon aus, dass andere Menschen Sachen unternehmen, um uns zu ärgern. Doch das ist sehr selten der Fall. Als „Giraffe“ (Person, die die GFK nutzt) glauben wir, dass wir alle immer nur Dinge tun, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen und dabei eine gute Absicht für uns selbst hegen.

Gewaltfreie Kommunikation im Gespräch

Gehst Du in das Gespräch, fange damit an, Deinem Gegenüber die Chance zu geben, die Situation erst aus seiner Sicht darzulegen. Dazu ist Empathie, also Einfühlungsvermögen, hilfreich, denn so kannst Du erkennen, was in Deinem Gesprächspartner vor sich geht.

Als Einstieg sprichst Du über Deine Beobachtung, damit der andere erstmal weiß, um welche konkrete Situation es Dir geht.

Start Fremdmitteilung

Ich: Hannes, ich möchte gern mit Dir über die Flyer reden. Du sagtest ja, ich bekomme sie zu Mittwoch und nun ist Donnerstag und bisher habe ich die Flyervorlage nicht in meinem Emaileingang.

Hannes: Hm, hab ich das gesagt. Ja, könnte sein.

Ich: Ja, das sagstest Du zu mir und ich habe fest damit gerechnet, weil ich die Flyer für ein Event brauche.

Hannes: Okay.

Ich: Wie kam es denn dazu?

Hannes: Naja, ich hatte echt viel zu tun und irgendwie hab ich das nicht mehr geschafft.

Ich: Also warst Du im Stress?

Hannes: Ja, stressig war es definitiv.

Ich: Hm, kann ich verstehen. Waren es jetzt einfach zu viele Aufgaben auf einmal?

Hannes: Ja, da kamen noch mehrere Sachen hinzu, nachdem ich Dir den Termin zugesagt hatte.

Ich: Warst Du dadurch also auch überfordert mit den vielen Aufträgen?

Hannes: Ja, definitiv.

Das war der Schritt Gefühle erfahren vom anderen.

Ich: Was hättest Du Dir gewünscht, damit es besser gelaufen wäre?

Hannes: Naja, ich hätte mehr Zeit gebraucht und vielleicht auch mehr Übersicht, was ich wann genau machen muss.

Ich: Dir ging es also um mehr Zeit und Klarheit über Deine Prioritäten?

Hannes: Ja, definitiv.

Ich: Hätte ich irgendwas tun können?

Hannes: Ne, ich hätte einfach bei Dir nachfragen müssen.

Ich: Hättest Du vielleicht die Sicherheit gebraucht, dass Du mich da ganz offen ansprechen kannst, wenn sich Lieferzeiten ändern?

Hannes: Ja, das wäre schon auch hilfreich gewesen, glaub ich.

Das war der Schritt Bedürfnisse erfahren vom anderen.

Ich: Um was hättest Du mich denn konkret bitten wollen?

Hannes: Naja, dass Du mir ein paar Tage mehr Zeit gibst, damit ich dann auch den Flyer so machen kann, das er meinem Anspruch entspricht.

Ich: Ah, okay. .. Also ging es Dir auch um Qualität, die Du unter dem Zeitdruck nicht bringen konntest?

Hannes: Hm, stimmt.

Das war der Schritt Bitte erfahren vom anderen.

Selbstmitteilung

Nachdem ich nun weiß, wie es dem anderen ging und er sich durch mich verstanden fühlt, kann ich nun mit der Selbstmitteilung anfangen. Vorher hätte er mir wahrscheinlich nicht offen und empathisch zuhören können, da er selbst noch keine Klarheit hatte.

Ich: Ich kann das alles ganz gut nachvollziehen. Und bei mir war es so, dass ich verwundert und ärgerlich war. Ich hätte mir Informationen gewünscht, zu wann ich mit dem Flyer rechnen kann und natürlich auch Zuverlässigkeit, dass ich die Flyer auch habe, wenn ich sie brauche.

Hannes: Verstehe ich.

Ich: Nun weiß ich ja, woran es gelegen hat, dass ich die Unterlagen noch nicht habe. Sage mir bitte, zu wann ich damit rechnen kann, dass ich das PDF für die Flyer habe.

Hannes: Also ich kann Dir fest zusagen, dass Du die Flyer am Montag hast. Ist das für Dich in Ordnung?

Ich: Hm, eigentlich ist das recht spät. Ich brauche die Flyer bald und ich muss die noch in den Druck geben und auch liefern lassen.

Hannes: Ja, da hast Du Recht. Und was ist, wenn ich die Kosten für die Expresslieferung übernehme als Ausgleich für die Verspätung und Dir die Flyer abhole und dann auch vorbei bringe?

Ich: Wow, das wäre klasse!

Läuft das immer so?

Das war mal ein Beispiel zur Veranschaulichung. Natürlich wirst Du je nach Situation und Beziehung zu der anderen Person mit unterschiedlichen Fragen und Techniken arbeiten. Je nach Persönlichkeitstyp reagiert auch Dein Gegenüber auf Dich und hat vielleicht auch weniger Verständnis.

Linkliste:

Was ist eigentlich die gewaltfreie Kommunikation?

Kommunikation und Persönlichkeitstypen

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