Gewaltfreie Kommunikation Ärger auflösen II

Ärger auflösen durch gegenseitiges Verstehen

Im ersten Artikel zu diesem Thema ging ich darauf ein, dass unser Ärger nicht durch andere Menschen verursacht wird, sondern durch die wertenden Gedanken, die wir dazu haben. Du hast einen Überblick erhalten, welche Schritte du durchgehen kannst, wenn Du Deinen Ärger auflösen willst.

Zusammenfassung
Situation, die scheinbar den Ärger verursacht hat
1. Trennung von Auslöser (Beobachtung) und Ursache (Interpretation der Handlung)
2. unerfülltes Bedürfnis herausfinden
3. dahinter steckendes Gefühl identifizieren
4. Bitte an mich/den anderen/dritte Person für Handlungsorientierung

Rache ist ein fehlgeleiteter Schrei nach Einfühlung

Das heißt, ich bin in diesen Ausführungen davon ausgegangen, dass Du Deinen Ärger als störend empfindest und etwas dagegen tun möchtest. Damit wollte ich nicht ausdrücken, dass Ärger und Wut nicht erlaubt sind.

Doch sie können verletzen und viel Energie kosten, wenn Du sie nicht irgendwann auch loslassen kannst. Du „musst“ das auch ausleben, doch auf das Ausmaß kommt es an. Wir leiden darunter, wenn wir Groll hegen und tun uns damit nichts Gutes. Marshall Rosenberg, der „Erfinder“ der gewaltfreien Kommunikation, sagt beispielsweise in seinem Buch „Was deine Wut Dir sagen will“, dass Rache nur ein fehlgeleiteter Schrei nach Einfühlung ist. Wir wollen, dass der andere versteht, wie verletzt wir sind und wie sehr wir gelitten haben. Darüber hinaus schreibt er, dass es viel zu oberflächlich wäre, Menschen umzubringen, um seine Wut loszuwerden. In diesem Buch berichtet er unter anderem von seiner Arbeit mit Häftlingen.

 

Deine Wolfsshow im Kopf zulassen

Am Anfang ist es wichtig, dass Du Deine Wut über das, was passiert ist oder eben nicht passiert ist, in Gedanken zulässt. Das ist ja sozusagen Deine erste Reaktion auf das Geschehen. Genieße die „Wolfsshow“. All die fiesen und vielleicht gewalttätigen Gedanken. Höre ihnen zu, erkenne, welche Bedürfnisse und Gefühle dahinter stecken. Deine verurteilenden Gedanken geben Dir nämlich auch Hinweise auf Dein Bedürfnis, das nicht erfüllt ist. Darüber bekommst Du dann wiederum Zugang zu dem Gefühl, das sich gerade sozusagen hinter der Wut „versteckt“. Solange Du Dich auf Deine Wut konzentrierst, bist Du jedoch von Deinen Bedürfnissen abgeschnitten. Denn die Wut verbindet Dich mit Deinen wertenden analysierenden Gedanken, so weißt Du nicht, was Du gerade brauchst.

Erst wenn Du diese bewertenden Gedanken annehmen kannst, als Teil von Dir, kannst Du erkennen, um was es Dir geht. Erst wenn Du selbst diese Klarheit hast, kannst Du dem anderen zuhören und empathisch sein.

 

Den anderen verstehen durch gewaltfreie Kommunikation

Loslassen können wir diese Wut leichter, wenn wir sie voll und ganz zum Ausdruck gebracht haben. Das geschieht meist, wenn wir diese Schritte nicht nur für uns selbst durchgehen, sondern auch das Gespräch mit dem anderen suchen. Das Ziel sollte dabei sein, dass mein Gegenüber mich versteht und meinen Schmerz nachempfinden kann. Er muss nicht mit mir übereinstimmen und auch nicht sein Verhalten ändern.

Meistens ist es für den anderen leichter, das nachzuvollziehen, wenn er selbst seinen Gefühlen und Bedürfnissen Luft machen kann. Dabei kannst Du ihm helfen, indem Du ihm zuhörst und ebenfalls versuchst, nicht auf seine zum Ausdruck gebrachten Gedanken zu hören, sondern auf die Gefühle und Bedürfnisse, die dahinter stecken. Das klingt jetzt sicherlich schwer.

Nochmal, es sind die Gedanken, die uns trennen, die Gedanken, die werten und verletzen. Gefühle und Bedürfnisse lösen das nicht aus. Wenn ich mich also auf das Herz des anderen fokussiere, komme ich ihm näher. Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf sein Gehirn lenke mit all den Gedanken, trennt mich das eher. Wenn Du es schaffst, zuzuhören und Dich erstmal auf ihn oder sie zu konzentrieren, hast Du die Chance, dass der andere sich alles von der Seele redet.

 

Gib Deinem Gegenüber die Chance Dich zu verstehen

Anschließend bittest Du ihn, Dir zuzuhören. Hilfreich ist es, wenn Du gerade zu Anfang Dir auch die Zeit nimmst, wenn Du in solch einer Situation steckst. Atme erst einmal ruhig und sortiere Deine Gedanken und fokussiere Dich auf Dein Bedürfnis und Dein dahinter liegendes Gefühl. Nimm Dir Zeit für diese Reflektion bevor Du es vielleicht später bereust. Gehe die vier Schritte durch und bei der Bitte ist es sinnvoll, ihn zu bitten, zu sagen, was er Dich hat sagen hören. Nicht, weil Du daran zweifelst, dass er Dir zugehört hat. Aber hat er verstanden, um was es Dir geht? Hört er mit den wertenden Wolfsohren und hört Anschuldigungen?

Schließlich haben wir bei Aussagen immer vier Möglichkeiten, wie wir sie hören (siehe auch Blogartikel Vier Ohren Modell der GFK). Ich kann Schuld beim anderen suchen oder bei mir selbst. Oder ich achte auf die Gefühle und Bedürfnisse, von mir oder dem anderen. Bei letzterem hören wir sozusagen mit den Giraffenohren. Das macht uns in der Regel das Leben leichter, wir fühlen uns weniger angegriffen und können eher auf den anderen eingehen.

Ziel ist es also, dass die andere Person keine Vorwürfe hört, sondern versteht, dass wir nur verstanden werden wollen. Dass sie nachvollziehen kann, was in uns lebendig ist. Wenn Du das schaffst, dem anderen zuzuhören und er Dir auch zuhört und Dich versteht, ist Dein Ärger aufgelöst. Das ist wesentlich effektiver als wenn Du rumschreist und Dich allein ärgerst.

Zusätzlich überraschst Du damit eher Deine Mitmenschen, denn die erwarten oft, dass man sich ärgert und schimpft wie ein Rohrspatz. Du hast damit die Möglichkeit, den Ärgerkreislauf zu durchbrechen und Dich auf die schönen Dinge im Leben zu konzentrieren. Vielleicht mit eben dieser Person, auf die Du noch so sauer warst?